Streit um Erinnerung

Einweihung des Kriegsopferfriedhofes in Arnsburg, 18. Juni 1960.

Die „Gedenkstunde der Jugend“, ausgeführt von Pfadfindern, gehörte auch in den Folgejahren zum festen Bestandteil des Feierrituals in Arnsburg.

Foto: Fritz Menzel; Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Landesverband Hessen

Bronzetafel für ein Opfer des Massakers in Hirzenhain, erstellt 1959.

Obwohl alle Namen bekannt waren, wurden die Gräber nicht namentlich gekennzeichnet; das Todesdatum wurde falsch angegeben.

Quelle: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Muster der neuen Bronzetafel auf den Gräbern, erstellt 1995.

Todesursache und -datum sind nun korrekt benannt. Eine zusätzliche Gedenktafel erinnert an die Namen aller Toten des Massakers in Hirzenhain.

Quelle: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Kriegsopferfriedhof Kloster Arnsburg, Juni 2010.

Die Gräber der Toten von Hirzenhain liegen bis heute direkt neben den Gräbern toter SS-Angehöriger.

Foto: Jan Jeskow; Quelle: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Frühere Grabstelle von Alexandra Tubicha auf dem Gemeindefriedhof Wippenbach, Juni 2010.

In der Dorfbevölkerung wird behauptet, dass das Grab Ende der 40er Jahre umgebettet worden sei. Doch weder das zuständige Friedhofsamt noch andere Behörden besitzen hierfür Unterlagen.

Foto: Jan Jeskow; Quelle: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Schreiben der Firma Siemens an Lucjan Gruchot, 21. April 1988.

Siemens lehnte eine Entschädigung von Gruchot ab, der bei der Firma Zwangsarbeit leisten musste. Vierzig Jahre nach Kriegsende könne man „keine Entlohnungsergänzung“ mehr zahlen.

Quelle: Stiftung „Polnisch-Deutsche Aussöhnung“, Warschau

Anzeige in „The New York Times“, Oktober 1999.

Mit diesen und ähnlichen Anzeigen wurde in amerikanischen Zeitungen gegen den schleppenden Fortgang der Verhandlungen zur Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter protestiert. Geschaltet wurden die Anzeigen unter anderem von der jüdischen Organisation B’nai B’rith.

Quelle: ullstein bild (Reuters)

„Verzichtserklärungen“ im Antragsverfahren zum Erhalt einer Auszahlung, 2001 bis 2003.

Die gesetzlichen Regelungen zur Auszahlung an ehemalige Zwangsarbeiter schrieben vor, dass die Antragsteller auf jegliche weitere Rechtsansprüche gegen Deutschland, Österreich und Unternehmen in beiden Staaten verzichten. Wer die Erklärung nicht unterschrieb, erhielt keine Zahlung.

Quelle: Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“

Blick ins Buch - Begleitband

Klick mich

Streit um Erinnerung

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge richtete 1960 im Kloster Arnsburg einen Friedhof ein, auf dem deutsche Soldaten, SS-Angehörige, ausländische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter gemeinsam bestattet wurden. Dazu gehörten auch die überführten sterblichen Überreste der 87 Opfer des Massenmordes von Hirzenhain. Obwohl den Verantwortlichen die Namen und der Umstand ihres Todes bekannt waren, bestattete man sie als „unbekannte Kriegstote“.

In Wippenbach (Hessen) wurde in den letzten Kriegstagen die ukrainische Zwangsarbeiterin Alexandra Tubicha umgebracht. Ihre Leiche wurde von der Dorfbevölkerung zunächst auf einem Müllabladeplatz verscharrt und dann auf dem Gemeindefriedhof beerdigt. Später galt das Grab als „verschwunden“. Im Dorf erinnert heute nichts mehr an Alexandra Tubicha.

Diese Mentalität eines „Schlussstrichs“ erregte seit den 1970er Jahren Widerstand. Häufig waren es lokale Initiativen, die die konkreten Geschichten vor Ort recherchierten.

Das wachsende Wissen um die begangenen Verbrechen und der öffentliche Druck, nun auch über Entschädigungen für die noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter nachzudenken, gingen Hand in Hand.

„In der Art und Weise, wie wir entschädigt haben, bringt sich oft das Gegenteil von dem zur Geltung, was Wiedergutmachung sein sollte: [Wir haben] die Verfolgten zu Bittstellern, zu Fristsäumigen, zu Unglaubwürdigen, schließlich zu ‚Entschädigungsunwürdigen‘ gemacht.

Dörte von Westernhagen, Schriftstellerin und Journalistin, in „Die Zeit“, 5. Oktober 1984

Bekenntnis zur Verantwortung

Erst 56 Jahre nach Kriegsende und nur durch den erheblichen internationalen Druck auf deutsche Unternehmen begann 2001 die Zahlung von Entschädigungen an die noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter.

Staat und Wirtschaft gründeten eine Stiftung, die an 1,7 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter und deren Nachfahren Hilfsgelder auszahlte. Die Empfänger mussten erklären, auf weitere Rechtsansprüche zu verzichten.

Gleichwohl empfanden nach den Jahrzehnten des Wartens viele der ehemaligen Zwangsarbeiter die im Schnitt 2 000 bis 3 000 Euro als ein spätes Bekenntnis der Deutschen zu ihrer Verantwortung.

„Für alle, die damals ihr Leben verloren haben, kommt die Entschädigung genauso zu spät wie für alle, die inzwischen gestorben sind.“

Erklärung von Bundespräsident Johannes Rau zur Einigung über die Höhe des Stiftungsvermögens zur Entschädigung von Zwangsarbeitern, 17. Dezember 1999